Als nach anderthalb Stunden Steve Coleman das Saxophon absetzte und bei geschlossenen Augen einen Rhythmus über das Spiel seiner Begleiter klatschte, setzte auch das Publikum ein - und klatschte vorbei. Spätestens jetzt musste allen Anwesenden klar geworden sein, was es bedeutet, mit Steve Coleman zu spielen - es bedarf eines vollständigen Gefühls und tiefen Verständnisses dieser musikalischen Akrobatik, die er als Solist wie kein anderer beherrscht. Ein simples Tap-Tap-Taptap-Tap-Tap-Taptap führt hier den nichts ahnenden Besucher aufs Glatteis und selbst wenn der Meister sich bereits auf der Bühne köstlich darüber amüsiert, muss sich niemand dessen schämen. “Steve Coleman and Reflex” sind fürs Mitklatschen einfach nicht geeignet.
Was er und Marcus Gilmore an den drums und David Virelles an den Tasten vollführten, glich einem dampfenden, hypnotisierenden, polyrhythmischen Soundgebilde vom ersten bis zum letzten Ton. Virelles ersetzte dröhnend an den keys einen Bassisten, ließ diesen ganz und gar nicht vermissen. Als Solist gab es von ihm in dem zweistündigen (!) Set zwar wenig zu hören, dennoch trug er immens zu der Kulisse bei, die das Trio erschuf. Marcus Gilmore hingegen brillierte mit grandiosen Soli, jede Menge Variation und großer Dynamik. Das Trio bewies sich als herausragend abgestimmt, Gilmore und Virelles schienen ihrem Rhythmusgeber Coleman von den Lippen abzulesen und gingen jede Bewegung mit. Ein absolutes Ereignis!
Wer von der Komplexität dieser Musik nicht abgeschreckt wurde, für den bietet der Samstag einen ganz ähnlichen Gast. Colemans Lehrer und Wegbereiter, einer der wichtigsten Repräsentanten dieser kaum fassbaren, viel sagend “Modern Creative” genannten Genremixtur, Henry Threadgill kommt ebenfalls in dasHaus nach Ludwigshafen!
Viele Grüße
Euer Max